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Rezensionen

Lucky

Ein sympathischer 90-Jähriger: John Carroll Lynch schuf mit dem Film «Lucky» ein hintergründiges Porträt von Harry Dean Stanton, dem Lucky vom Dienst, einem kauzigen und altersweisen Revoluzzer in Californien.

Lucky lebt in einer verschlafenen Kleinstadt in der Wüste nördlich von Los Angeles. Der Alltag des etwas verschrobenen, aber liebenswerten 90-jährigen Einzelgängers besteht aus Ritualen: eine erste Zigarette vor den morgendlichen Yoga-Übungen, ein Glas Milch vor dem Frisieren. Der Rest des Tages verläuft ähnlich: Milchkaffee und Kreuzworträtsel vomittags im Diner, Spaziergänge und Gameshows nachmittags zu Hause. Und abends der Besuch in seiner Bar mit der obligaten Bloody Mary, wo mit den andern Gästen über das Leben philosophiert wird.

Eines Tages sei er zu Hause vor der Kaffeemaschine ohnmächtig geworden und «auf seinen knochigen Arsch gefallen», berichtet er seinem Arzt, als er wieder auf den Beinen steht. Dieser aber kann beim Alten keine Krankheit finden, er sei bei bester Gesundheit, sogar die Glimmstängel darf er weiter rauchen, er sei eben eine «wissenschaftliche Anomalie». Weiter müsse er aber zur Kenntnis nehmen, dass jemand mit Neunzig alt sei und alle Menschen einmal sterben. Mit dieser Diagnose versucht Lucky weiterzuleben. Aber die TV-Shows und Besuche bei der Mexikanerin im Supermarkt sind nicht mehr dieselben. Angst vor dem Sterben schleicht sich ein, damit muss er sich erst einmal abfinden.

Lucky ist ein liebenswürdiger Kauz, dem man gerne zuhört und zuschaut. Im Laden holt er Zigaretten und Milch und bleibt für einen Schwatz. Im Restaurant begegnet er, selbst Veteran der US Navy, einem Veteranen der Marine. Interessiert tauschen sie Erinnerungen aus, bis sie nachdenklich werden und schweigen. Mit den Nachbaren wechselt er lustige und besinnliche Geschichten, deren Timing, Cadrage und Montage im Film stimmen. Die Akteure und die Drehbuchautoren Logan Sparks und Drago Sumonja sind alte Freunde von Lucky. Sie haben eine Sammlung von Sprüchen des lokalen Unikums zusammengetragen, über das Drehbuch verteilt und ihm auf den Leib geschrieben.

Lucky und ...

Der Film «Lucky» ist leicht verständlich und dennoch hintergründig. Dank der Situierung in einem nostalgischen Wüstenstädtchen lebt er von den Country-Songs, aber auch den Strassenzügen und Landschaften, wie wir sie aus den Western kennen, und einem lakonischen Humor. Gedreht wurde der Film von einem «ewigen Nebendarsteller Hollywoods» und weiteren Darstellern seiner «Gewichtsklasse», um Lucky so in einer Glanzrolle brillieren zu lassen. Doch was für ein Film ist «Lucky» eigentlich? Ein Dokumentarfilm über Harry Dean Stanton, einem der vielseitigsten amerikanischen Nebenrollenschauspieler und Musiker, der am 14. Juli 1926 in West Irvine geboren wurden? Oder ein Spielfilm von zwei Drehbuchautoren, weiterer Freunden von Harry und dem Regisseur John Caroll Lynch erfunden?

Bereits der Vorspann beantwortet die Frage: «Harry Dean Stanton is Lucky.» Es ist also ein Film von, mit, für, wegen und über Harry Dean Stanton alias Lucky. Dieser hat in seinem langen Leben Karriere mit gegen 250 Filmen gemacht, darunter Werken wie «Paris, Texas» von Wim Wenders, «The Straight Story» von David Lynch, «The Wrong Man» von Alfred Hitchcock und «The Last Temptation of Christ» von Martin Scorsese. Der Regisseur John Carroll Lynch, selbst Schauspieler unzähliger Film- und TV-Rollen, hat hier seinen Regie-Erstling abgeliefert. Für Harry Dean Stanton alias Lucky wurde der Film seine Derniere, denn er starb 91-jährig am 15. September 2017, kurz vor der Premiere.

Bei der Fiesta überrascht Lucky die fremden Gäste mit einem Lied

Bei der Fiesta überrascht Lucky die fremden Gäste mit einem Lied

... seine Nachbarschaft

«You are nothing!» So begrüsst der Diner-Chef den Neunzigjährigen regelmässig. «Danke, du bist auch nichts!» Luckys Antwort. Etwa so oder ähnlich, doch stets mit einem Augenzwinkern geht es in diesem wilden Westen zu und her. In sein rotes Telefon hinein erzählt er auch mal einem Freund, was ihn bedrückt und ihm Sorgen macht. Grössere Turbulenzen gibt es jedoch in der Bar, als Howalds uralte Landschildkröte, mit dem Namen Präsident Roosevelt, unauffindbar verschwunden ist. Immer wieder in den aktuellen Ereignissen tauchen vergangene auf, halten die Action zurück und laden zum Nachdenken ein. Das Alter lebt Lucky so, wie es eben geht, mal mit Humor, mal mit Fluchen, mal mit Schweigen. Den allmählichen körperlichen Zerfall nimmt er zwar wahr, stellt sich aber dagegen. Einer Nachbarin, die ihn, freundschaftlich umsorgend, besucht, verrät er beim Abschied denn auch sein Geheimnis: «Ich habe Angst.»

Was für Howald seine Schildkröte ist, um die er sich sorgt, sind für Lucky die Käfer, die in der Tierhandlung den Schlangen verfüttert werden, von denen er welche kauft, neben sein Bett stellt und umsorgt. Immer wieder gibt es im gemütlich dahinplätschernden Tagesablauf neben lustigen auch besinnliche Momente. So etwa, wenn ihm unvermittelt eine Erinnerung aus der Zeit auftaucht, als er dreizehn war und versehentlich eine Drossel erschoss, was für ihn einer der schlimmsten Momente seines Lebens wurde. Immer häufiger bricht Vergangenheit in die Gegenwart ein. Berührend die Episode, als er, von der mexikanischen Verkäuferin zum zehnten Geburtstag ihres Sohnes eingeladen, spontan ein Lied anstimmt, in das dann die ganze Festgemeinde einstimmt. Gegen Schluss findet in der Bar das folgende Gespräch statt, das angesichts des bevorstehenden Todes des realen Lucky eine neue Bedeutung bekommt. Lucky doziert: «Alles wird verschwinden. Du, du, du, ich, die Zigarette, alles, ins Dunkel, ins Nichts, und keiner ist dafür zuständig.» Verunsichert fragt ihn die Gerantin Elaine dann: «Und was bleibt?» Lucky gibt prompt zurück: «Nichts». Und Elaine weiter: «Was sollen wir dann machen?» Und dann antwortet Lucky, mit einem leisen Lächeln im Gesicht: «Lächeln».

Aus einem Interview mit dem Regisseur John Carroll Lynch

Was hat Sie am Drehbuch besonders gereizt?

Zunächst fand ich das Drehbuch sehr witzig. Ich mochte die Dialoge, die Figuren und das Gefühl für Gemeinschaft, das es vermittelt. Die Einwohner dieser kleinen Stadt akzeptieren jeden Menschen, auch jene, die, wie Lucky, denken, dass sie nicht dazugehören. Bei der Lektüre des Drehbuchs hatte ich wirklich das Gefühl, jemanden kennenzulernen. Jemanden, der es einem nicht leicht macht. Eine Figur, die in ihrem Leben an einem Punkt angekommen ist, an dem sie sich mit ihrem bevorstehenden Tod auseinandersetzen muss und sich mit der Einsamkeit konfrontiert sieht.

Wie ist Harry Dean Stanton zu dem Projekt gestossen?

Die Geschichte wurde komplett auf Harry Dean in der Rolle des Lucky zugeschnitten. Das Drehbuch war eine Art Liebeserklärung an ihn als Schauspieler und als Mensch. Der Film ist stark von Harrys Leben, seiner Persönlichkeit und seinen Erlebnissen inspiriert. Er ist in diesem Sinne quasi biografisch. Logan Sparks, der Co-Autor des Films, ist ein alter Freund von Harry, was ebenfalls zur Inspiration beigetragen hat. «Lucky» ist die Geschichte eines Mannes, der erkennt, dass der Rest seines Lebens nur noch Monate oder Wochen dauert, nicht mehr Jahre oder Jahrzehnte.

Regie: John Carroll Lynch, Produktion: 2017, Länge: 88 min, Verleih: Xenixfilm

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Hanspeter Stalder

Hanspeter Stalder ist Medienpädagoge und Filmkritiker und hat die Medienstelle für audiovisuelle Medien von Pro Senectute Schweiz aufgebaut. Er war Mitentwickler und Redaktor von Seniorweb sowie Inhaber und Autor der Website www.der-andere-film.ch.

Eloge de la proximité

« Le démantèlement » (2013/ 111’),  révèle tout ce qu’une vie peut porter de simplicité, de passion, de vérité. La vie s’écoule dans l’espace grandiose d’une nature sauvage. Gaby, (Gabriel Arcand), éleveur de moutons, a toujours vécu sur ses terres. Ses filles sont parties vivre en ville, lui rendant visite que trop rarement. Les temps sont difficiles pour cet agriculteur vivant seul dans sa ferme. Tout autour de lui, des exploitations sont vendues aux enchères, des familles ne parviennent plus à vivre du travail de la terre. Cela renvoie à notre réalité bien difficile, en Suisse, comme dans bien d’autres régions, de paysans contraints de quitter leurs terres. Gaby se trouve parallèlement confronté à des difficultés vécues par une de ses filles. Le film est porté par le magnifique Gabriel Arcand. Son regard et sa présence détachés de toute sensiblerie, révèlent l’amour d’un homme à l’égard des siens, prêt à aller jusqu’au renoncement à ses intérêts personnels.

L’imaginaire du réel

L’attitude de Gaby rejoint bien le projet du festival visages, de porter à l’écran des histoires humbles, porteuses de cet élan du cœur, de la tendresse d’un regard, d’un geste. Les films du festival visages font l’éloge de la vie ordinaire. Ils évoquent des enjeux de société, notre rapport au monde, les formes de solidarités qui tissent notre quotidien, et les formes d’insolidarités qui défigurent l’être humain. Bien plus qu’un film, « Le démantèlement » invite à mettre de la fête, de la reconnaissance, de l’attention à l’autre dans chaque geste, chaque pensée, chaque acte de nos vies. Une simple invitation à nous arrêter sur un banc pour parler.

Le démantèlement, un film de Sébastien Pilote, [Paris] : Blaq Out, 2014, 1 DVD (112 min) ; 19 cm

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Olivier Taramarcaz, coordinateur du festival visages

Olivier Taramarcaz est coordinateur romand formation et culture de Pro Senectute Suisse et directeur artistique du Festival visages.