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Die Wissensplattform zum Thema Alter

Rezensionen

Hier präsentieren Ihnen Fachleute regelmässig Besprechungen von Literatur und Filmen zum Thema Alter.

Eine Vielzahl von Publikationen, TV-Sendungen und Ausstellungen setzt sich mit dem magischen Jahr 1968 auseinander, in dem so vieles möglich schien. Damals wurden grosse Ideen geboren. Es zerplatzten aber auch starke Hoffnungen. So ist diesem Datum die Ambivalenz, gar Widersprüchlichkeit, ganz unmittelbar eingeschrieben: Die Fallhöhe zwischen den übersteigerten Erwartungen, die mit den gesellschaftlichen Aufbrüchen rund um 1968 verbunden waren, und ihren manchmal doch recht mageren Ergebnissen lässt sich nicht einfach verdrängen.

1968 – das war vieles zugleich: politische Revolte gegen Autoritäten, kultureller Aufbruch aus verknöcherten Verhältnissen, Umwälzung des Alltagslebens. Es ist sehr verdienstvoll, dass der Basler Soziologe Ueli Mäder in seinem neuesten Werk 68 – was bleibt? die ganze Breite der Achtundsechziger-Bewegung abbildet; dies vor allem durch die Wiedergabe wichtiger Aussagen aus den von ihm geführten Gesprächen. Dahinter steckt sehr viel Arbeit – und eine Methode, die als narrative Soziologie bezeichnet werden kann. Mäder interessiert der biografische Ansatz. Es geht ihm um Aufklärung – auch des Handelns der Protagonisten und Protagonistinnen. Widersprüche im Denken und Tun sollen zur Sprache kommen: jene von damals wie die von heute.

Die Schweiz und die Welt

In den Jahren um 1968 glaubten viele, der Kampf um die Befreiung sei bereits die Freiheit selbst, und waren dann enttäuscht, wenn dieser Prozess nicht rasch genug von statten ging. Auch die Blindheit für eigenes unterdrückerisches Verhalten, insbesondere zwischen Männern und Frauen, aber auch in scheinbar «solidarischen» Politgruppen, gehört dazu. Die neue Frauenbewegung machte genau das zum Thema. Die Soziologin Claudia Honegger erinnert sich an ihre Studienjahre in Frankfurt/M. und dortige politische Veranstaltungen: «Machos wie Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit» hätten da dominiert. «Die waren wirklich krass chauvinistisch im Vergleich zu den netten und zuvorkommenden Männern in der Zürcher Szene.»

Dies ist ein Hinweis auf das Anderssein der Schweiz – auch der «anderen» Schweiz. In den Porträts im Buch spielen die globalen Ereignisse rund um 1968 durchaus hinein, aber sie werden durch das vielfach enge Verhaftet-sein mit dem Kleinräumigen seltsam gebrochen. Der Bezug zur Welt ausserhalb der Schweiz taucht wohl gelegentlich auf, scheint aber im Gesamtzusammenhang nicht so entscheidend zu sein.

"68 - was bleibt?" von Ueli Mäder

«Establishment» und Systemkritik

Ueli Mäder hat auch Gespräche mit jenen geführt, die einst sehr links waren und heute auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu finden sind. Zu ihnen gehört der Journalist Markus Schär, der früher einmal Sekretär der Sozialdemokratischen Partei im Kanton Thurgau war und inzwischen für die neoliberale und neokonservative Weltwoche schreibt. Er selbst sieht keinen Bruch, sondern eine Kontinuität in seiner Entwicklung: Er sei damals gegen das «Establishment» gewesen – und tue dies immer noch. Bloss stehe dieses Establishment heute «oft links». Wer eine genaue Analyse der wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnisse in diesem Land durchführt, wird vermutlich zu anderen Ergebnissen kommen.

Wo bleibt eine radikale Systemkritik – auch im Blick auf die heutigen Verhältnisse? Der Ökonom Markus Mugglin weist darauf hin, dass die sozialen Ungleichheiten in den vergangenen 50 Jahren grösser statt kleiner geworden seien. Trotz der Krise von 2008 seien die Finanzmärkte immer noch ungebändigt. Das wären doch Gründe genug, um der Forderung nach einer Überwindung des Kapitalismus mehr Nachdruck zu verleihen. Dafür tritt beispielsweise Beat Ringger ein, der Geschäftsleiter des Denknetzes ist, einer sozialkritischen «Denkfabrik»: Sie bietet eine Plattform, «um den Kapitalismus als Formation zu untersuchen – strukturell, über soziotechnische Kritik und blosses Schräubchendrehen hinaus». Das ist doch schon etwas!

Ueli Mäder: 68 – was bleibt? Zürich: Rotpunktverlag 2018, 368 S., 48 Franken.

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Kurt Seifert

Kurt Seifert ist ehemaliger Leiter Forschung und Grundlagenarbeit Pro Senectute Schweiz und freier Publizist.

Dementia and Literature: Interdisciplinary Perspectives

Anfang 2018 hat mit Pfizer ein weiterer Pharmariese seine Alzheimerforschung eingestellt und damit vor der Krankheit kapituliert. Es scheint, als sei die moderne Medizin machtlos gegen neurodegenerative Erkrankungen, die unter dem Sammelbegriff “Demenz” zusammengefasst werden. Vor diesem Hintergrund, und in Anbetracht der Herausforderungen, die Demenz an Erkrankte, Angehörige und Pflegende stellt, versucht der Band Dementia and Literature, aus einer kulturgerontologischen Perspektive Aufschluss über die Krankheit zu verschaffen.

Das Feld der Kulturgerontologie setzt sich zum Ziel, altersbedingte Phänomene – also auch Krankheiten wie Demenz – in ihrer kulturellen Bedeutung zu erfassen und ihre gesellschaftlichen Kodierungen zu erforschen. Diese, so hat die Forschung festgestellt, haben einen direkten Einfluss auf das Wohlbefinden der Betroffenen; sie sind also auch aus medizinischer Perspektive relevant. Die Kulturgerontologie hat deshalb einiges gemeinsam mit den medical humanities, welche die Rolle von Akteuren im Gesundheitswesen unter die Lupe nehmen und kulturelle Produkte wie Romane, Filme und bildende Kunst in der medizinischen Ausbildung einsetzen.

Dementia and Literature: Interdisciplinary Perspectives

Dementia and Literature geht Demenz aber nur bedingt als Krankheit an. Die Einleitung von Tess Maginess und das Vorwort von Kate Swaffer plädieren für einen Perspektivenwechsel: Von Demenz Betroffene sollen nicht als Kranke sondern als Behinderte betrachtet werden. So wird ihr Zustand eher akzeptiert und auch nicht-medizinische Ressourcen werden bereitgestellt, um ihnen ein Leben innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen zu ermöglichen. Hautsächlich geht es den Autorinnen aber darum, das Gefühl der Solidarität mit den Betroffenen zu stärken und mehr von „uns“ als von „ihnen“ zu sprechen. Durch die Förderung der Empathie, so lautet ihr Argument, kann die Literatur einen wesentlichen Beitrag zu einer inklusiveren Haltung leisten.

Ein weiterer Ansatz, den verschiedene Beiträge des Bands verfolgen, sieht Demenz als Essenz der conditio humana. In der Krankheit werden die Fragilität und Zeitlichkeit der menschlichen Existenz besonders deutlich sichtbar und die Abhängigkeit von Mitmenschen steht im Vordergrund. Am überzeugendsten zeigt dies der Aufsatz zu Warten auf Godot von Briege Casey. Casey untersucht Becketts Theaterstück auf den Topos des Wartens und findet in den Dialogen zwischen den Hauptfiguren Estragon und Wladimir typische Muster, wie sie in der Beziehung zwischen an Demenz Erkrankten und ihren Betreuungspersonen vorkommen. Warten heisst hier, die Zeit bis zum Abend zu ertragen und die Leere des Tages mit mehr oder weniger sinnvollen Gesprächen zu füllen. Warten heisst aber auch, die Hoffnung auf Erlösung aus dem gegenwärtigen Zustand am Leben zu erhalten. Godot, der bekanntlich bis zum Schluss nicht auftaucht, verkörpert somit ein Ziel, das nie erreicht wird und das es dennoch zu verfolgen gilt, denn das Streben nach Veränderung und Verbesserung macht einen grossen Teil des Menschseins aus, mit oder ohne Demenz. In der Beziehung zwischen Erkranktem und Betreuer wird Warten jedoch auch zu einem Machtinstrument: In Warten auf Godot ist Wladimir derjenige, der beschliesst, ob und wie lange gewartet wird und wie die Wartezeit zu füllen ist. Solche situativen Konstellationen aus dem Theaterstück überträgt Casey direkt auf die Pflege demenzkranker Menschen und bietet deshalb einen starken Realitätsbezug.

Trotzdem muss man sich fragen, was denn die Literatur (oder die Literaturwissenschaft) zur Demenzforschung beitragen kann. Sie wird weder ein Medikament hervorbringen noch konkrete gesellschaftlichen Strukturen für bessere Betreuung schaffen können. So mag man es als Pluspunkt deuten, dass das Buch keine Patentlösungen für das „Demenzproblem“ verspricht. Eher präsentieren sich die Beiträge als Beleuchtung der Rolle, welche die Demenzliteratur in der Bildung einer gesellschaftlichen Haltung einnimmt, welche die Würde Demenzkranker und ihrer Bezugspersonen achtet. In anderen Worten: Literatur bildet, und Dementia in Literature untersucht, mit welchen Mitteln sie das tut. Aus diesem Grund überzeugen auch Artikel wie der von Joan Rahilly, der prüft, wie realitätsnah die literarischen Beschreibungen von Alzheimerpatienten tatsächlich sind. Je stärker sich der derzeitige Boom der Demenznarrative entwickelt, desto wichtiger wird es, dass diese Darstellungen mit der Realität kompatibel bleiben.

Dementia and Literature: Interdisciplinary Perspectives (2018), Hrsg. Tess Maginess, Reihe: Routledge Advances in the Medical Humanities, Verlag: Routledge.

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Rahel Rivera Godoy-Benesch

Dr. des. Rahel Rivera Godoy-Benesch ist Literaturwissenschaftlerin und Autorin des Buchs «Kompass zur Altersbelletristik der Gegenwart» (Print-Version erwerben oder kostenlos herunterladen).

Gemeinsam bis zum Ende: Zwei Alte machen ihre letzte Camperreise. Paolo Virzì erzählt davon in seinem Roadmovie «Ella & John», mit Helen Mirren und Donald Sutherland in den Titelrollen: unterhaltsam und voll Menschlichkeit.

Eines Morgens waren Ella und John spurlos verschwunden! Statt sich auf einen Altersheimeintritt vorzubereiten, sind sie mit ihrem alten Wohnmobil losgefahren. Ihre erwachsenen Kinder sind verärgert, besorgt, versuchen, sie zu finden. Doch John, bei dem sich zunehmend Gedächtnislücken zeigen, und die lebenspraktische, ebenfalls kranke Ella sind auf einer Reise, deren Ziel nur sie selber kennen: die US-Ostküste hinunter, bis zum Haus von Ernest Hemingway in Key West. Beim Eindunkeln schwelgen die beiden jeweils vor dem Camper in den Erinnerungen ihrer 50-jährigen Liebe: immer neu verliebt, aber auch durch Johns angeschlagenes Gedächtnis im unbeschwerten Zusammenleben behindert.

Ella und John wachsen einem sofort ans Herz – auch dank der oscarprämierten Darsteller Helen Mirren und Donald Sutherland in den Titelrollen. Sie spielen ihren Trip glaubwürdig und ausdrucksstark, mit Szenen, die erheitern, sowie andern, die unter die Haut gehen und nachdenklich stimmen. Der italienische Regisseur Paolo Virzì versteht es in seinem ersten in Amerika realisierten Film, ernste Themen leicht und humorvoll zu verpacken. Immer weiter geht es von Highway zu Highway, von Campingplatz zu Campingplatz, von Überraschung zu Überraschung.

Wenn Erinnerungen die Gegenwart durcheinanderbringen

Während Ella sich im Alltag recht gut durchschlägt, bringt John die Namen der Familie und schliesslich ihre eigenen gelegentlich durcheinander. Er erwartete von seinen vielfältigen Reisen stets eine Bewusstseinserweiterung. Diesmal will er das Haus von Ernest Hemingway, seinem grossen literarischen Idol, besuchen. Der grosse alte Mann der Weltliteratur, der gegen den Fisch kämpft, ermuntert ihn stets von Neuem: Denn «er wird besiegt, aber nicht zerstört.» Es trifft John, wenn er feststellt: «Ich kann nichts mehr lesen. Weiss du, ich beginne einen Satz.» Und Ella antwortet: «Und wenn du am Ende angekommen bist, hast du den Anfang vergessen.» Weiter John: «Ich erinnere mich nicht mehr, woran ich mich erinnerte.» Es folgen in diesem Kammerspiel Szenen des Verstehens, dann wieder des Aufbegehrens.

Mit dem Hellraumprojektor holen sich die beiden jeweils beim Einnachten ihre Vergangenheit, ihre Familie und ihre früheren Reisen zurück, tröstlich, berührend, erheiternd. «Schön, wenn du vergisst, vergesslich zu sein», meint Ella. Doch sie kann sich nur schwer damit abfinden, als er ihr Kaffee aufsetzen will, beim Gang zur Maschine aber nicht weiter weiss. Und es kann vorkommen, dass er seine Kinder Jane und Will und seine Enkel Stephan und Rosie auf den Dias nicht mehr auf Anhieb erkennt, sich aber an eine ehemalige Schülerin, die er zufällig trifft, detailreich und emotional erinnert. Und es folgen immer wieder neue abenteuerliche Szenen auf den Strassen und im Camper.

Ella & John

Wenn die Vergangenheit verschwindet, aber als Erinnerung leuchtet

Berührend wird es, wenn Ella und John sich gegenseitig ihre früheren Liebespartner durcheinanderbringen. Welche Liebe ist aktuell, welche vergangen? Die schöne Liebesgeschichte, diese «Poesie der Prosa», wie Hemingway es formulierte, lässt uns fragen: Ist nicht alles gelebtes Leben, alle gelebte Liebe, auch wenn Teile oder Momente fehlen, «leuchtende Erinnerung»?

Angesichts dieses existenziellen Verschwindens des Lebens wird einem das Mysterium der Kindheit bewusst, in welchem dem jungen Menschen einst Tag für Tag Neues gegeben wurde – jetzt aber dem alten Menschen, das Mysterium des Alters, Tag für Tag etwas genommen wird: befreundete, geliebte Menschen, Erlebnisse und schliesslich geplante, doch nicht mehr ausformulierte Gedanken.

Paolo Virzì: Ein Italiener dreht in Amerika

«Ich hätte nie gedacht, dass ich einen Film in einem anderen Land machen würde, noch dazu in einer Sprache, die nicht meine Muttersprache ist. Ich weiss auch immer noch nicht genau, wie das passieren konnte. Ich werde versuchen, die Entstehungsgeschichte zusammenzufassen: Der Ursprung von "Ella & John" liegt ein paar Jahre zurück. Damals nahm ein Film von mir an der lustigen und leicht absurden Prozedur der Oscar-Verleihung für den besten fremdsprachigen Film teil, «Il capitale umano». Er kam in den USA ins Kino, und auch mein vorheriger Film «La prima cosa bella» hatte einen amerikanischen Kinostart gehabt. Nachdem beide Filme gut ankamen, erhielt ich immer wieder Angebote, doch einmal in Amerika zu drehen; ich weigerte mich jedoch, irgendwo anders zu arbeiten als in Italien. Zudem lagen bei diesen Angeboten meist bereits fertige Drehbücher vor, und, ehrlich gesagt, keines der Projekte weckte mein Interesse.

Doch ich hatte Freunde in den USA, die sich damit nicht zufriedengeben haben. Sie sassen bei Indiana Production, einer Firma, die meine zwei amerikanischen Kino-Starts begleitet hatte, und sie verstanden nicht, warum ich nie ausserhalb Italiens drehen wollte. Schliesslich kam ich ihnen einen Schritt entgegen: Wenn wir einen tollen Stoff fänden, in einer literarischen Vorlage vielleicht, und wenn ich mit diesem Stoff so arbeiten könnte, wie ich es gewohnt bin, selber das Drehbuch schreiben zum Beispiel, dann wäre ich bereit, mir die Amerika-Idee noch einmal zu überlegen.

Von da ab schickte mir Indiana Production kistenweise Romane und Kurzgeschichten. Eines Tages war eine Erzählung von Michael Zadoorian dabei, sie handelte von zwei alten Eheleuten aus Detroit, die noch einmal in ihren Campingbus steigen und auf der legendären Route 66 nach Kalifornien fahren. Der subversive Geist der Geschichte reizte mich, denn sie erzählte von der Rebellion der beiden Alten gegen ihre Ärzte, ihre Kinder, gegen soziale und medizinische Vorschriften. Denn eigentlich sollte das Ehepaar ins Krankenhaus, um dort den Rest des gemeinsamen Lebens zu verbringen, anstatt spontan nach Kalifornien auszureissen.

Einige Zeit später baten mich italienische Freunde, die Drehbuchautoren Francesca Archibugi und Francesco Piccolo, die Sache nicht so einfach abzutun. Sie schlugen vor, Zadoorians Geschichte als Vorlage zu nehmen, aber die Reiseroute und das soziokulturelle Profil der Figuren zu verändern. Also erfanden wir einen Literaturprofessor im Ruhestand, mit einer Frau aus South Carolina, die sich zusammen auf den Weg nach Key West machen, um das Haus von Hemingway zu besuchen. Wir schrieben ein paar Szenen und Dialoge auf Italienisch, übersetzten sie mithilfe meines geschätzten Freundes und Romanautors Stephen Amidon ins Englische, und hatten damit die erste Version eines Drehbuchs.

Ich erinnere mich, dass ich ein Zugeständnis machte: Falls Donald Sutherland und Helen Mirren bereit wären, das Paar zu spielen, dann würde ich diesen Film machen. Meine Produzenten-Freunde und Co-Autoren fanden die Idee fantastisch. Ich weiss zwar bis heute nicht, warum Mirren und Sutherland zusagten. Ein paar Wochen später stand ich schon auf dem Set, ohne dass ich Zeit hatte, mir richtig klarzumachen, was eigentlich passierte. Diese beiden waren vielleicht der beste Grund, nach Amerika zu fahren, um dort einen Film zu drehen, wenigstens einmal in meiner Geschichte als italienischer Regisseur, oder besser, als Regisseur aus Livorno.»

Ella & John. Regie: Paolo Vizì, Produktion: 2017, Länge 117 min, Verleih filmcoopi

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Hanspeter Stalder

Hanspeter Stalder ist Medienpädagoge und Filmkritiker und hat die Fachstelle für audiovisuelle Medien von Pro Senectute Schweiz aufgebaut. Er war Mitentwickler und Redaktor von Seniorweb sowie Inhaber und Autor der Website www.der-andere-film.ch.

Eloge de la proximité

« Le démantèlement » (2013/ 111’),  révèle tout ce qu’une vie peut porter de simplicité, de passion, de vérité. La vie s’écoule dans l’espace grandiose d’une nature sauvage. Gaby, (Gabriel Arcand), éleveur de moutons, a toujours vécu sur ses terres. Ses filles sont parties vivre en ville, lui rendant visite que trop rarement. Les temps sont difficiles pour cet agriculteur vivant seul dans sa ferme. Tout autour de lui, des exploitations sont vendues aux enchères, des familles ne parviennent plus à vivre du travail de la terre. Cela renvoie à notre réalité bien difficile, en Suisse, comme dans bien d’autres régions, de paysans contraints de quitter leurs terres. Gaby se trouve parallèlement confronté à des difficultés vécues par une de ses filles. Le film est porté par le magnifique Gabriel Arcand. Son regard et sa présence détachés de toute sensiblerie, révèlent l’amour d’un homme à l’égard des siens, prêt à aller jusqu’au renoncement à ses intérêts personnels.

L’imaginaire du réel

L’attitude de Gaby rejoint bien le projet du festival visages, de porter à l’écran des histoires humbles, porteuses de cet élan du cœur, de la tendresse d’un regard, d’un geste. Les films du festival visages font l’éloge de la vie ordinaire. Ils évoquent des enjeux de société, notre rapport au monde, les formes de solidarités qui tissent notre quotidien, et les formes d’insolidarités qui défigurent l’être humain. Bien plus qu’un film, « Le démantèlement » invite à mettre de la fête, de la reconnaissance, de l’attention à l’autre dans chaque geste, chaque pensée, chaque acte de nos vies. Une simple invitation à nous arrêter sur un banc pour parler.

Le démantèlement, un film de Sébastien Pilote, [Paris] : Blaq Out, 2014, 1 DVD (112 min) ; 19 cm

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Olivier Taramarcaz, coordinateur du festival visages

Olivier Taramarcaz est coordinateur romand formation et culture de Pro Senectute Suisse et directeur artistique du Festival visages.

Lucky

Ein sympathischer 90-Jähriger: John Carroll Lynch schuf mit dem Film «Lucky» ein hintergründiges Porträt von Harry Dean Stanton, dem Lucky vom Dienst, einem kauzigen und altersweisen Revoluzzer in Californien.

Lucky lebt in einer verschlafenen Kleinstadt in der Wüste nördlich von Los Angeles. Der Alltag des etwas verschrobenen, aber liebenswerten 90-jährigen Einzelgängers besteht aus Ritualen: eine erste Zigarette vor den morgendlichen Yoga-Übungen, ein Glas Milch vor dem Frisieren. Der Rest des Tages verläuft ähnlich: Milchkaffee und Kreuzworträtsel vomittags im Diner, Spaziergänge und Gameshows nachmittags zu Hause. Und abends der Besuch in seiner Bar mit der obligaten Bloody Mary, wo mit den andern Gästen über das Leben philosophiert wird.

Eines Tages sei er zu Hause vor der Kaffeemaschine ohnmächtig geworden und «auf seinen knochigen Arsch gefallen», berichtet er seinem Arzt, als er wieder auf den Beinen steht. Dieser aber kann beim Alten keine Krankheit finden, er sei bei bester Gesundheit, sogar die Glimmstängel darf er weiter rauchen, er sei eben eine «wissenschaftliche Anomalie». Weiter müsse er aber zur Kenntnis nehmen, dass jemand mit Neunzig alt sei und alle Menschen einmal sterben. Mit dieser Diagnose versucht Lucky weiterzuleben. Aber die TV-Shows und Besuche bei der Mexikanerin im Supermarkt sind nicht mehr dieselben. Angst vor dem Sterben schleicht sich ein, damit muss er sich erst einmal abfinden.

Lucky ist ein liebenswürdiger Kauz, dem man gerne zuhört und zuschaut. Im Laden holt er Zigaretten und Milch und bleibt für einen Schwatz. Im Restaurant begegnet er, selbst Veteran der US Navy, einem Veteranen der Marine. Interessiert tauschen sie Erinnerungen aus, bis sie nachdenklich werden und schweigen. Mit den Nachbaren wechselt er lustige und besinnliche Geschichten, deren Timing, Cadrage und Montage im Film stimmen. Die Akteure und die Drehbuchautoren Logan Sparks und Drago Sumonja sind alte Freunde von Lucky. Sie haben eine Sammlung von Sprüchen des lokalen Unikums zusammengetragen, über das Drehbuch verteilt und ihm auf den Leib geschrieben.

Lucky und ...

Der Film «Lucky» ist leicht verständlich und dennoch hintergründig. Dank der Situierung in einem nostalgischen Wüstenstädtchen lebt er von den Country-Songs, aber auch den Strassenzügen und Landschaften, wie wir sie aus den Western kennen, und einem lakonischen Humor. Gedreht wurde der Film von einem «ewigen Nebendarsteller Hollywoods» und weiteren Darstellern seiner «Gewichtsklasse», um Lucky so in einer Glanzrolle brillieren zu lassen. Doch was für ein Film ist «Lucky» eigentlich? Ein Dokumentarfilm über Harry Dean Stanton, einem der vielseitigsten amerikanischen Nebenrollenschauspieler und Musiker, der am 14. Juli 1926 in West Irvine geboren wurden? Oder ein Spielfilm von zwei Drehbuchautoren, weiterer Freunden von Harry und dem Regisseur John Caroll Lynch erfunden?

Bereits der Vorspann beantwortet die Frage: «Harry Dean Stanton is Lucky.» Es ist also ein Film von, mit, für, wegen und über Harry Dean Stanton alias Lucky. Dieser hat in seinem langen Leben Karriere mit gegen 250 Filmen gemacht, darunter Werken wie «Paris, Texas» von Wim Wenders, «The Straight Story» von David Lynch, «The Wrong Man» von Alfred Hitchcock und «The Last Temptation of Christ» von Martin Scorsese. Der Regisseur John Carroll Lynch, selbst Schauspieler unzähliger Film- und TV-Rollen, hat hier seinen Regie-Erstling abgeliefert. Für Harry Dean Stanton alias Lucky wurde der Film seine Derniere, denn er starb 91-jährig am 15. September 2017, kurz vor der Premiere.

Bei der Fiesta überrascht Lucky die fremden Gäste mit einem Lied

Bei der Fiesta überrascht Lucky die fremden Gäste mit einem Lied

... seine Nachbarschaft

«You are nothing!» So begrüsst der Diner-Chef den Neunzigjährigen regelmässig. «Danke, du bist auch nichts!» Luckys Antwort. Etwa so oder ähnlich, doch stets mit einem Augenzwinkern geht es in diesem wilden Westen zu und her. In sein rotes Telefon hinein erzählt er auch mal einem Freund, was ihn bedrückt und ihm Sorgen macht. Grössere Turbulenzen gibt es jedoch in der Bar, als Howalds uralte Landschildkröte, mit dem Namen Präsident Roosevelt, unauffindbar verschwunden ist. Immer wieder in den aktuellen Ereignissen tauchen vergangene auf, halten die Action zurück und laden zum Nachdenken ein. Das Alter lebt Lucky so, wie es eben geht, mal mit Humor, mal mit Fluchen, mal mit Schweigen. Den allmählichen körperlichen Zerfall nimmt er zwar wahr, stellt sich aber dagegen. Einer Nachbarin, die ihn, freundschaftlich umsorgend, besucht, verrät er beim Abschied denn auch sein Geheimnis: «Ich habe Angst.»

Was für Howald seine Schildkröte ist, um die er sich sorgt, sind für Lucky die Käfer, die in der Tierhandlung den Schlangen verfüttert werden, von denen er welche kauft, neben sein Bett stellt und umsorgt. Immer wieder gibt es im gemütlich dahinplätschernden Tagesablauf neben lustigen auch besinnliche Momente. So etwa, wenn ihm unvermittelt eine Erinnerung aus der Zeit auftaucht, als er dreizehn war und versehentlich eine Drossel erschoss, was für ihn einer der schlimmsten Momente seines Lebens wurde. Immer häufiger bricht Vergangenheit in die Gegenwart ein. Berührend die Episode, als er, von der mexikanischen Verkäuferin zum zehnten Geburtstag ihres Sohnes eingeladen, spontan ein Lied anstimmt, in das dann die ganze Festgemeinde einstimmt. Gegen Schluss findet in der Bar das folgende Gespräch statt, das angesichts des bevorstehenden Todes des realen Lucky eine neue Bedeutung bekommt. Lucky doziert: «Alles wird verschwinden. Du, du, du, ich, die Zigarette, alles, ins Dunkel, ins Nichts, und keiner ist dafür zuständig.» Verunsichert fragt ihn die Gerantin Elaine dann: «Und was bleibt?» Lucky gibt prompt zurück: «Nichts». Und Elaine weiter: «Was sollen wir dann machen?» Und dann antwortet Lucky, mit einem leisen Lächeln im Gesicht: «Lächeln».

Aus einem Interview mit dem Regisseur John Carroll Lynch

Was hat Sie am Drehbuch besonders gereizt?

Zunächst fand ich das Drehbuch sehr witzig. Ich mochte die Dialoge, die Figuren und das Gefühl für Gemeinschaft, das es vermittelt. Die Einwohner dieser kleinen Stadt akzeptieren jeden Menschen, auch jene, die, wie Lucky, denken, dass sie nicht dazugehören. Bei der Lektüre des Drehbuchs hatte ich wirklich das Gefühl, jemanden kennenzulernen. Jemanden, der es einem nicht leicht macht. Eine Figur, die in ihrem Leben an einem Punkt angekommen ist, an dem sie sich mit ihrem bevorstehenden Tod auseinandersetzen muss und sich mit der Einsamkeit konfrontiert sieht.

Wie ist Harry Dean Stanton zu dem Projekt gestossen?

Die Geschichte wurde komplett auf Harry Dean in der Rolle des Lucky zugeschnitten. Das Drehbuch war eine Art Liebeserklärung an ihn als Schauspieler und als Mensch. Der Film ist stark von Harrys Leben, seiner Persönlichkeit und seinen Erlebnissen inspiriert. Er ist in diesem Sinne quasi biografisch. Logan Sparks, der Co-Autor des Films, ist ein alter Freund von Harry, was ebenfalls zur Inspiration beigetragen hat. «Lucky» ist die Geschichte eines Mannes, der erkennt, dass der Rest seines Lebens nur noch Monate oder Wochen dauert, nicht mehr Jahre oder Jahrzehnte.

Regie: John Carroll Lynch, Produktion: 2017, Länge: 88 min, Verleih: Xenixfilm

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Hanspeter Stalder

Hanspeter Stalder ist Medienpädagoge und Filmkritiker und hat die Medienstelle für audiovisuelle Medien von Pro Senectute Schweiz aufgebaut. Er war Mitentwickler und Redaktor von Seniorweb sowie Inhaber und Autor der Website www.der-andere-film.ch.