Dementia and Literature: Interdisciplinary Perspectives

Anfang 2018 hat mit Pfizer ein weiterer Pharmariese seine Alzheimerforschung eingestellt und damit vor der Krankheit kapituliert. Es scheint, als sei die moderne Medizin machtlos gegen neurodegenerative Erkrankungen, die unter dem Sammelbegriff Demenz zusammengefasst werden. Vor diesem Hintergrund, und in Anbetracht der Herausforderungen, die Demenz an Erkrankte, Angehörige und Pflegende stellt, versucht der Band Dementia and Literature, aus einer kulturgerontologischen Perspektive Aufschluss über die Krankheit zu verschaffen.

Eine Sachbuchbesprechung von Rahel Rivera Godoy-Benesch

Das Feld der Kulturgerontologie setzt sich zum Ziel, altersbedingte Phänomene – also auch Krankheiten wie Demenz – in ihrer kulturellen Bedeutung zu erfassen und ihre gesellschaftlichen Kodierungen zu erforschen. Diese, so hat die Forschung festgestellt, haben einen direkten Einfluss auf das Wohlbefinden der Betroffenen; sie sind also auch aus medizinischer Perspektive relevant. Die Kulturgerontologie hat deshalb einiges gemeinsam mit den medical humanities, welche die Rolle von Akteuren im Gesundheitswesen unter die Lupe nehmen und kulturelle Produkte wie Romane, Filme und bildende Kunst in der medizinischen Ausbildung einsetzen.

Dementia and Literature: Interdisciplinary Perspectives

Dementia and Literature geht Demenz aber nur bedingt als Krankheit an. Die Einleitung von Tess Maginess und das Vorwort von Kate Swaffer plädieren für einen Perspektivenwechsel: Von Demenz Betroffene sollen nicht als Kranke sondern als Behinderte betrachtet werden. So wird ihr Zustand eher akzeptiert und auch nicht-medizinische Ressourcen werden bereitgestellt, um ihnen ein Leben innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen zu ermöglichen. Hautsächlich geht es den Autorinnen aber darum, das Gefühl der Solidarität mit den Betroffenen zu stärken und mehr von „uns“ als von „ihnen“ zu sprechen. Durch die Förderung der Empathie, so lautet ihr Argument, kann die Literatur einen wesentlichen Beitrag zu einer inklusiveren Haltung leisten.

Ein weiterer Ansatz, den verschiedene Beiträge des Bands verfolgen, sieht Demenz als Essenz der conditio humana. In der Krankheit werden die Fragilität und Zeitlichkeit der menschlichen Existenz besonders deutlich sichtbar und die Abhängigkeit von Mitmenschen steht im Vordergrund. Am überzeugendsten zeigt dies der Aufsatz zu Warten auf Godot von Briege Casey. Casey untersucht Becketts Theaterstück auf den Topos des Wartens und findet in den Dialogen zwischen den Hauptfiguren Estragon und Wladimir typische Muster, wie sie in der Beziehung zwischen an Demenz Erkrankten und ihren Betreuungspersonen vorkommen. Warten heisst hier, die Zeit bis zum Abend zu ertragen und die Leere des Tages mit mehr oder weniger sinnvollen Gesprächen zu füllen. Warten heisst aber auch, die Hoffnung auf Erlösung aus dem gegenwärtigen Zustand am Leben zu erhalten. Godot, der bekanntlich bis zum Schluss nicht auftaucht, verkörpert somit ein Ziel, das nie erreicht wird und das es dennoch zu verfolgen gilt, denn das Streben nach Veränderung und Verbesserung macht einen grossen Teil des Menschseins aus, mit oder ohne Demenz. In der Beziehung zwischen Erkranktem und Betreuer wird Warten jedoch auch zu einem Machtinstrument: In Warten auf Godot ist Wladimir derjenige, der beschliesst, ob und wie lange gewartet wird und wie die Wartezeit zu füllen ist. Solche situativen Konstellationen aus dem Theaterstück überträgt Casey direkt auf die Pflege demenzkranker Menschen und bietet deshalb einen starken Realitätsbezug.

Trotzdem muss man sich fragen, was denn die Literatur (oder die Literaturwissenschaft) zur Demenzforschung beitragen kann. Sie wird weder ein Medikament hervorbringen noch konkrete gesellschaftlichen Strukturen für bessere Betreuung schaffen können. So mag man es als Pluspunkt deuten, dass das Buch keine Patentlösungen für das „Demenzproblem“ verspricht. Eher präsentieren sich die Beiträge als Beleuchtung der Rolle, welche die Demenzliteratur in der Bildung einer gesellschaftlichen Haltung einnimmt, welche die Würde Demenzkranker und ihrer Bezugspersonen achtet. In anderen Worten: Literatur bildet, und Dementia in Literature untersucht, mit welchen Mitteln sie das tut. Aus diesem Grund überzeugen auch Artikel wie der von Joan Rahilly, der prüft, wie realitätsnah die literarischen Beschreibungen von Alzheimerpatienten tatsächlich sind. Je stärker sich der derzeitige Boom der Demenznarrative entwickelt, desto wichtiger wird es, dass diese Darstellungen mit der Realität kompatibel bleiben.

Dementia and Literature: Interdisciplinary Perspectives (2018), Hrsg. Tess Maginess, Reihe: Routledge Advances in the Medical Humanities, Verlag: Routledge.

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Rahel Rivera Godoy-Benesch

Madame Rahel Rivera Godoy-Benesch est une chercheuse en lettres et l’auteure du livre en allemand « Kompass zur Altersbelletristik der Gegenwart ». (commander le livre ou télécharger gratuitement).

 

 

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