68 - was bleibt?

Eine Vielzahl von Publikationen, TV-Sendungen und Ausstellungen setzt sich mit dem magischen Jahr 1968 auseinander, in dem so vieles möglich schien. Damals wurden grosse Ideen geboren. Es zerplatzten aber auch starke Hoffnungen. So ist diesem Datum die Ambivalenz, gar Widersprüchlichkeit, ganz unmittelbar eingeschrieben: Die Fallhöhe zwischen den übersteigerten Erwartungen, die mit den gesellschaftlichen Aufbrüchen rund um 1968 verbunden waren, und ihren manchmal doch recht mageren Ergebnissen lässt sich nicht einfach verdrängen.

Eine Sachbuchbesprechung von Kurt Seifert
"68 - was bleibt?" von Ueli Mäder

1968 – das war vieles zugleich: politische Revolte gegen Autoritäten, kultureller Aufbruch aus verknöcherten Verhältnissen, Umwälzung des Alltagslebens. Es ist sehr verdienstvoll, dass der Basler Soziologe Ueli Mäder in seinem neuesten Werk 68 – was bleibt? die ganze Breite der Achtundsechziger-Bewegung abbildet; dies vor allem durch die Wiedergabe wichtiger Aussagen aus den von ihm geführten Gesprächen. Dahinter steckt sehr viel Arbeit – und eine Methode, die als narrative Soziologie bezeichnet werden kann. Mäder interessiert der biografische Ansatz. Es geht ihm um Aufklärung – auch des Handelns der Protagonisten und Protagonistinnen. Widersprüche im Denken und Tun sollen zur Sprache kommen: jene von damals wie die von heute.

Die Schweiz und die Welt

In den Jahren um 1968 glaubten viele, der Kampf um die Befreiung sei bereits die Freiheit selbst, und waren dann enttäuscht, wenn dieser Prozess nicht rasch genug von statten ging. Auch die Blindheit für eigenes unterdrückerisches Verhalten, insbesondere zwischen Männern und Frauen, aber auch in scheinbar «solidarischen» Politgruppen, gehört dazu. Die neue Frauenbewegung machte genau das zum Thema. Die Soziologin Claudia Honegger erinnert sich an ihre Studienjahre in Frankfurt/M. und dortige politische Veranstaltungen: «Machos wie Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit» hätten da dominiert. «Die waren wirklich krass chauvinistisch im Vergleich zu den netten und zuvorkommenden Männern in der Zürcher Szene.»

Dies ist ein Hinweis auf das Anderssein der Schweiz – auch der «anderen» Schweiz. In den Porträts im Buch spielen die globalen Ereignisse rund um 1968 durchaus hinein, aber sie werden durch das vielfach enge Verhaftet-sein mit dem Kleinräumigen seltsam gebrochen. Der Bezug zur Welt ausserhalb der Schweiz taucht wohl gelegentlich auf, scheint aber im Gesamtzusammenhang nicht so entscheidend zu sein.

«Establishment» und Systemkritik

Ueli Mäder hat auch Gespräche mit jenen geführt, die einst sehr links waren und heute auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu finden sind. Zu ihnen gehört der Journalist Markus Schär, der früher einmal Sekretär der Sozialdemokratischen Partei im Kanton Thurgau war und inzwischen für die neoliberale und neokonservative Weltwoche schreibt. Er selbst sieht keinen Bruch, sondern eine Kontinuität in seiner Entwicklung: Er sei damals gegen das «Establishment» gewesen – und tue dies immer noch. Bloss stehe dieses Establishment heute «oft links». Wer eine genaue Analyse der wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnisse in diesem Land durchführt, wird vermutlich zu anderen Ergebnissen kommen.

Wo bleibt eine radikale Systemkritik – auch im Blick auf die heutigen Verhältnisse? Der Ökonom Markus Mugglin weist darauf hin, dass die sozialen Ungleichheiten in den vergangenen 50 Jahren grösser statt kleiner geworden seien. Trotz der Krise von 2008 seien die Finanzmärkte immer noch ungebändigt. Das wären doch Gründe genug, um der Forderung nach einer Überwindung des Kapitalismus mehr Nachdruck zu verleihen. Dafür tritt beispielsweise Beat Ringger ein, der Geschäftsleiter des Denknetzes ist, einer sozialkritischen «Denkfabrik»: Sie bietet eine Plattform, «um den Kapitalismus als Formation zu untersuchen – strukturell, über soziotechnische Kritik und blosses Schräubchendrehen hinaus». Das ist doch schon etwas!

Ueli Mäder: 68 – was bleibt? Zürich: Rotpunktverlag 2018, 368 S. Inhaltsverzeichnis der DNB.

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Porträt von Kurt Seifert

Kurt Seifert est un journaliste indépendant spécialisé dans les questions liées à la vieillesse et au vieillissement et auteur du livre « 100 ans d’histoire : Pro Senectute et la Suisse de 1917 à 2017 ».

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